Oper ist für alle da!
Welche Chance hat das Genre im neuen Medien-Hype?
Big Brother. Das Model und der Freak. Bernd das Brot. Bauer sucht Frau. TV-Formate flimmern als 24-Stunden-Service über die Bildschirme. Sie sollen vor allem eines: unterhalten. Anderes sollen sie vor allem nicht: zum Nachdenken anregen. Ohne sich intellektuell anzustrengen, bekommen die Zuschauer ein Gefühl der Bestätigung: „Oh guck mal... die sind ja doof! Ich bin schlauer als die im Fernsehen“.
Oper wirkt in dieser TV-geprägten Kulturlandschaft wie aus einer anderen Welt. Denken wir an Oper, denken wir an altmodisch, langweilig, anstrengend, unverständlich, überteuert – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Oper ist scheinbar nur etwas für gebildete alte Leute, die viel Geld und viel Zeit haben. Und es scheint, als wären sich diesbezüglich alle einig – Kulturschaffende wie Kulturgenießer: Oper ist nicht für alle da.
Das Opernloft sieht das anders. Das „Die City-Oper für Einsteiger“ holt das alte Genre in die Neuzeit, entstaubt es und macht es jedermann zugänglich. Mit Formaten wie „Oper für Kinder“, der „Electr’Opera“ für Jugendliche oder der „OperaBreve“ für Erwachsene wird Oper verständlich gemacht. Die Werke von Wagner bis Verdi werden so bearbeitet, dass die Zuschauer Spaß daran haben können – auch ohne ein abgeschlossenes Studium der Musikwissenschaften.
Hoppla!
Hoppla! Haben wir da gerade „Spaß“ gelesen? Muss denn nun auch noch die Oper Spaß machen? Ja, muss sie. Das Team vom Opernloft ist der Meinung, dass das elitäre Gewand, das die Oper umgibt, weder Machern noch Zuschauern nützt: Die einen könnten bald ohne Zuschauer dastehen. Und den anderen entgeht etwas Einmaliges: Oper spricht in der Kombination von Musik und Schauspiel den ganzen Menschen an – sein Gefühl und sein Gehirn. Beides droht in unserer Gesellschaft zu verkümmern.
Parallel zu den beschriebenen TV-Formaten entwickelt sich eine Generation junger Menschen, die sich so viel wie noch nie zuvor mit digitalen Medien beschäftigt und unterhält. So hört man auf deutschen Schulhöfen eher: “Ey, kennst du schon das neue derbe Video von Bushido?“ als: “Ich habe gerade so ein schönes Buch gelesen.“ Bibliotheken verwaisen, denn der gute Freund Google weiß eh alles besser. Und das Beste: Im Internet findet man nicht nur Informationen, sondern auch Beziehungen. Kurz gechatet – rasch verliebt.
Wer Jugendliche aus Myspace herausholen will, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen: eine Electr’Opera, die klassische Klänge mit elektronischen Beats kombiniert. Ein Beispiel ist „Lost Violet“ auf der Basis von Verdis Oper „La Traviata“. Inken Rahardt, die das Opernloft gemeinsam mit Yvonne Bernbom leitet, hat das neue Format entwickelt. Und was skurril klingt, zeigt Wirkung: Die Electr‘Opera hilft den Jugendlichen, sich mit der Oper zu identifizieren und sie schließlich doch irgendwie „cool“ zu finden.
Ist einmal das Interesse geweckt, kann es zum scheinbar Unmöglichen kommen: Neben der neuen Mucke von „Sido“ liegt eine Arie aus „La Traviata“ auf dem MP3 Player. Dass Opernmusik auch junge Menschen begeistert, zeigt das „Phänomen“ Paul Potts: Der Engländer hat nach seinem Auftritt bei einer Casting-Show mit der Puccini-Arie „Nessun dorma“ einen regelrechten Opern-Boom ausgelöst. Er tritt bei „The Dome“ vor tausenden kreischenden Teenies auf und füllt die „Colorline Arena“ in Hamburg.
Oper ist also auch etwas für junge Ohren -
– die müssen sie nur hören. Das Jugendkulturbarometer 2004 (Studie des Bundesbildungsministeriums) belegt, dass es wichtig ist, Berührungsängste vor klassischer Musik, Theater und besonders vor der Oper möglichst früh abzubauen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. Für das Opernloft heißt das: Mit Oper kann man nicht früh genug anfangen.
Eigens für Kinder geschriebene Kurzfassungen ermöglichen bereits Zuschauern ab drei Jahren, Oper zu erleben und auch zu verstehen. Die Inszenierungen sind modern und entsprechen neuesten pädagogischen Erkenntnissen. Oper für Kinder ist im Opernloft nicht das Abfallprodukt einer großen Oper, sondern ein Qualitätsprodukt: Wie in den Erwachsenenstücken singen auch in den Kinderfassungen professionell ausgebildete Sänger.
50 bis 80 Minuten dauern Vorstellungen vom „Zauberflötchen“, von „Der kleine Barbier“ oder „Der kleine Ring“. Die Kinder sitzen dabei auf großen Kissen direkt vor der Bühne. So können die Kleinen bereits vor der Aufführung herumtoben und Freundschaften schließen. Sie sitzen einmal ohne Mama und Papa, umgeben von Gleichaltrigen. Und während Papageno und Tamino dann Prinzessin Pamina aus Sarastros Palast befreien, versinken die jungen Zuschauer in die Geschichte und lauschen der Musik. Ein spannendes Erlebnis, das Geist und Sinne öffnet – und nebenbei eine zwanglose Entwicklung der Selbstständigkeit.
Doch nicht nur Kinder und Jugendliche...
... brauchen einen leichten Start, wenn sie sich der Oper nähern. Auch bei Erwachsenen gilt es, Berührungsängste abzubauen. Dafür hat das Opernloft das Format „OperaBreve“, Oper in kurz, entwickelt. Opern wie Bizets „Carmen“, Wagners „Der Ring des Nibelungen“ oder Puccinis „La Bohème“ werden auf 90 Minuten gekürzt. In diesem Konzentrat gibt es alle musikalischen Höhepunkte, Informationen zum Werk und dessen Komponisten sowie eine Handlung, die in der Gegenwart spielt.
Begriffe wie „Gegenwart“ der „modern“ scheinen unvereinbar mit Oper. Es herrscht ein unausgesprochener Konsens, dass Oper so zu sein hat wie in der „guten alten Zeit“. 30 Jahre alte Inszenierungen werden bis heute selbstverständlich aufgeführt. Im Opernloft wird das Genre als lebendige Kunstform gepflegt. Und lebendig ist Oper nur, wenn sie in unserer Zeit angekommen ist.
Im Grunde ist es ganz einfach: Das Opernloft bietet Menschen jeden Alters die Möglichkeit, Oper kennen zu lernen – ungezwungen, mit viel Spaß und ganz ohne elitäres Gehabe. So hat Oper auch in unserer schönen neuen Welt eine Chance, gehört zu werden.





