A.I.D.A activation
"Wir sind die Jugend“, skandiert eine Gruppe Jugendlicher. „Wir sind die Revolution!“ In der neuen Electr’Opera® im Opernloft geht’s politisch zu. „A.I.D.A. activation!“ basiert auf Giuseppe Verdis Opernhit „Aida“. Die Geschichte jedoch ist neu: Aida ist Politikstudentin in einem Land, in der die Jugend keine Stimme hat. Gemeinsam mit Gleichgesinnten demonstriert sie gegen die Regierung. Mitten in diesem Kampf entwickelt sich eine unmögliche Liebe zwischen der Revolutionärin Aida und Radames, dem Sohn des Präsidenten.
Das Opernloft erarbeitet die Electr’Opera in Kooperation mit dem Staatstheater Kassel und in enger Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Lohbrügge. Schüler stehen neben professionellen Opernsängern auf der Bühne und entwerfen das Bühnenbild. Im Mittelpunkt der Stückfassung von Susann Oberacker und Inken Rahardt stehen die Fragen: „Wo kann ich mich informieren?“ „Wie kann ich mir eine eigene Meinung bilden?“ „Und was kann ich tun, damit meine Meinung gehört wird?“
Hamburger Abendblatt
Aida führt den Aufstand der Frauen an
von Klaus Witzeling
Schülerinnen vom Gymnasium Lohbrügge proben im Jugendtheaterprojekt "A.I.D.A. activation!" den Aufstand.
Hamburg. "Aida, los, wir machen Revolution", rappen die jungen Frauen im Chor. Sie gehen auch das Publikum im Opernloft direkt an und rufen: "Gemeinsam sind wir stark!" Große Oper und Agitprop-Theater sampeln Susann Oberacker und Inken Rahardt für ihre Electr'Opera-Fassung "A.I.D.A. activation!" nach dem Verdi-Hit, bringen zwei gestrige Genres spielerisch auf gegenwärtigen Stand. Sie verlegen die Fronten des Staates von außen nach innen. Nicht kriegerische Feinde bedrohen dessen Macht, sondern die Frauenrechtlerinnen stellen sie infrage, fordern Mitbestimmung und Zukunftschancen. Aida ermutigt sie mit ihrer Arie "Ritorna Vincitor!", frei übersetzt "Kehrt als die Sieger heim!". Doch der Aufstand wird niedergeschlagen.
Die Autorinnen und die Regisseurin Nicola Fellmann spiegeln im nun vierten Jugendtheaterprojekt des Opernlofts die Kämpfe um Demokratie in Ägypten, Libyen oder Syrien. Als unmittelbare Nachbarinnen des Gängeviertels sprechen sie aber auch die Bürgerbewegung in der Stadt an, ermutigen die jungen Leute, sich zu informieren und für ihre Rechte offen einzusetzen.
Wie in der Oper spielt auch die unmögliche Liebe zwischen Feinden eine Rolle. Aida hat sich in Radames, den Sohn des Diktators verknallt. Er läuft zu den Aufständischen über und gerät wie sie in Gefangenschaft. Lena Kutzner, in Camouflage-Pants und rotem Stirnband, und Filip Szczepanski singen auch das letzte wunderschöne Duett der Liebenden, allerdings transponiert für Mezzosopran und Bariton. Radames bleibt bei seiner Arie "Celeste Aida" folglich das hohe C schuldig, aber Kutzner verfügt über eine weiche, schöne Stimme und natürlichen Ausdruck.
Vom "Aida"-Original bleibt wenig übrig, der Triumphmarsch wird zum Kampflied. Die Solisten und 13 Schülerinnen des Gymnasiums Lohbrügge machen sich Fellmanns Inszenierung diszipliniert und engagiert zu eigen. Im Chorsprechen und Sprechgesang, von Frank Valet mit Electrobeats nach Verdi-Motiven unterlegt, beweisen sie Gefühl für Rhythmus und gemeinsame Aktionen. Sie werden von der Regisseurin im Projekt mit TuSch (Theater und Schule) und dem Staatstheater Kassel weder über- noch unterfordert.
Für die Produktion unter Makiko Eguchis musikalischer Leitung entwarfen auch Schüler das Bühnenbild. Sie alle lernten etwas über Bedingungen im Theater, über eine ihnen wenig vertraute Kunstform - und natürlich auch über wichtige, lebensnahe Inhalte.
Godot, Hamburger Theatermagazin
Revoluzzerdrama
Noch haben Aida (Lena Kutzner) und Radames (Filip Sczepanski) glückliche Stunden.
Zufall oder Inszenierung? Das war nicht auszumachen, aber gut war’s: Am Ende des Miniopernabends lehnte vereinsamt ein Demo-Tableau mit der Aufschrift „Freiheit“ an der Bühnenrampe. Die Rede ist von einem neuerlichen mutigen Experiment des Opernlofts, an das sich ein Team unter der Regie von Nicola Fellmann gewagt hatte: Verdis „Aida“ als (verantwortbare) Kurzfassung in einen diktatorisch regierten Staat unserer aktuellen Welt zu verlegen und dort selbst einen Freiheitskampf stattfinden zu lassen unter der Führung von Aida, die Radames, den Sohn des Diktators liebt … und umgekehrt.
Besonderheit Nr. 1 dieses gelungenen Abends ist die Beteiligung einer Gruppe von Schülerinnen (warum nur Mädchen, gehen die Jungen lieber zum Sport?) des Gymnasiums Lohbrügge, die die Revoluzzer, einmal chorisch, einmal solistisch, darstellen. Und das mit beeindruckendem Engagement, wie man bereits bei dem überraschenden Beginn des Abends im Foyer registrieren konnte: Dort mutierten unter Fellmanns geschickter und einfallsreicher Regie die Zuschauer unversehens zu einer weiteren Darstellergruppe, die man - noch vor Betreten des Auditoriums - als „das Volk“ nach klassisch-antikem Vorbild bezeichnen kann.
Besonderheit Nr. 2 ist die junge Pianistin Makiko Eguchi, die nicht nur die musikalische Leitung innehat. Sie führt außerdem am Flügel mitreißend und berührend durch die farbige Palette von Lyrismus bis Dramatik. Und außerdem hat sie auch dafür gesorgt, dass dem gut disponierten professionellen Sängerpaar Lena Kutzner und Filip Sczepanski die Verdi’schen Standardarien ihrer Partien erhalten blieben – trotz Fellmanns raffiniert durchdachter, dramaturgisch reifer, aber doch erheblicher Verschiebung der Handlungsstränge! Schwere Kost an der Fuhlentwiete: ereignisreich, überraschend, laut, engagiert und überzeugend.
Text: Hans-Peter Kurr
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© Fotos: Silke Heyer,
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